XIII. Die Kirche und Fragen der Ökologie
XIV.1. Das Christentum hat durch die Überwindung heidnischer Vorurteile die Natur entzaubert und so einen eigenen Beitrag zur Entstehung der Naturwissenschaft geleistet. Mit der Zeit sind sowohl die Natur- als auch die Humanwissenschaften ein unverzichtbarer Bestandteil der Kultur geworden. Zum Ende des 20. Jahrhunderts sind die Wissenschaft und die Technik angesichts ihrer beeindruckenden Ergebnisse sowie ihres allseitigen Einflusses auf unser Leben in der Tat zu einem maßgeblichen Seinsfaktor der Zivilisation geworden. Gleichzeitig haben die Folgen der Entwicklung von Wissenschaft und Technik, ungeachtet des ursprünglichen Beitrags des Christentums zur Herausbildung der wissenschaftlichen Tätigkeit, unter dem Einfluß säkularer Ideologien ernsthafte Befürchtungen ausgelöst. Die ökologische und andere Krisen, die die Welt von heute heimsuchen, lassen zunehmend drängendere Zweifel über den eingeschlagenen Weg aufkommen. Das wissenschaftlich-rechtliche Niveau der modernen Zivilisation ermöglicht es, daß verbrecherische Handlungen einer unbedeutenden Gruppe von Menschen innerhalb nur weniger Stunden die Welt in eine globale Katastrophe stürzen könnten, infolge derer alle höheren Lebewesen unwiderrufbar dem Vernichtungstod zum Opfer fallen würden. Aus christlicher Sicht resultieren diese Folgen aus einer trügerischen Grundauffassung, die auf dem gegenwärtigen Verständnis von wissenschaftlich- 87 technischer Entwicklung basiert. Sie äußert sich in der apriorischen Annahme, daß diese Entwicklung durch keinerlei moralische, philosophische oder religiöse Vorbehalte eingeschränkt werden dürfe. Mit einer solchen Art von „Freiheit“ liefert sich die wissenschaftlich-technische Entwicklung allerdings der Macht menschlicher Leidenschaften aus, insbesondere der Eitelkeit, des Stolzes sowie der Gier nach größtmöglichem Komfort, was die Zerstörung der geistigen Harmonie des Lebens mit allen damit verbundenen negativen Folgen nach sich zieht. Um das eigentlich menschliche Leben zu sichern, ist daher heute mehr denn je eine Rückbesinnung auf die verlorengegangene Verbindung der wissenschaftlichen Kenntnis mit den religiösen, geistigen und sittlichen Werten von kaum zu überschätzender Bedeutung. Die Notwendigkeit einer solchen Verbindung resultiert auch daraus, daß ein wesentlicher Teil der Menschen nicht aufgibt, an die Allmacht zu glauben. Dies ist teilweise der Tatsache geschuldet, daß einige der sich zum Atheismus bekennender Denker des 18. Jahrhunderts einen entschiedenen Gegensatz zwischen der Wissenschaft und der Religion behauptet haben. Nichtsdestoweniger ist es allgemein bekannt, daß zu allen Zeiten, einschließlich der heutigen, viele der herausragendsten Wissenschaftler religiöse Menschen waren und sind. Bei einem fundamentalen Gegensatz zwischen Religion und Wissenschaft wäre das nicht möglich. Die wissenschaftliche und die religiöse Erkenntnis haben einen gänzlich verschiedenen Charakter. Ihre Ausgangsprämissen, Ziele, Aufgaben sowie Methoden sind entsprechend anders. Diese Sphären können sich berühren oder überschneiden, jedoch nicht einander befehden. Zum einen sind doch in der Naturwissenschaft keine atheistischen oder religiösen, sondern mit der Wahrheit mehr oder weniger übereinstimmende Theorien enthalten. Zum anderen befaßt sich die Religion nicht mit Fragen der Materie. Michail W. Lomonossow schrieb zu Recht: die Wissenschaft und die Religion „können nicht miteinander im Streit liegen (...), außer eine von ihnen würde aus Eitelkeit und Prahlerei ihre Genialität verkünden und so eine Feindschaft vom Zaun brechen“. Den gleichen Gedanken sprach auch der hl. Filaret von Moskau aus: „Der Glaube an Christus steht dem wahrhaften Wissen nicht entgegen, weil er mit der Unwissenheit nicht verbündet ist.“ Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch der Fehler, die Religion und die sogenannte wissenschaftliche Weltanschauung einander entgegenzusetzen. Ihrer Natur nach nehmen lediglich die Religion und die Philosophie weltanschauliche Funktionen wahr, was ansonsten weder einer einzelnen speziellen Wissenschaft noch der konkreten wissenschaftlichen Kenntnis im Ganzen zukommt. Die Reflexion über die wissenschaftlichen Erkenntnisse sowie deren Einbeziehung in das weltanschauliche System kann innerhalb einer weiten Bandbreite zwischen der vollkommenen Religiosität einerseits und dem unverhüllten Atheismus andererseits geschehen. Obwohl in der Wissenschaft ein Weg zur Erkenntnis Gottes liegt (Röm 1.19-20), sieht die Orthodoxie in ihr ein natürliches Instrument zum Aufbau einer guten 88 Ordnung des irdischen Lebens, welches allerdings mit höchster Achtsamkeit anzuwenden ist. Die Kirche warnt den Menschen vor der Versuchung, in der Wissenschaft einen von moralischen Prinzipien vollkommen losgelösten Bereich zu sehen. Die heutigen Errungenschaften auf verschiedenen Gebieten, inklusive der Physik der Elementarteilchen, der Chemie und der Mikrobiologie, zeigen, daß diese von Grund auf ein zweischneidiges Schwert sind, das dem Menschen sowohl zum Segen gereichen als auch das Leben kosten kann. Durch Einhaltung der biblischen Normen des Lebens wird eine Erziehung der Person möglich, so daß die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten nicht zu bösen Zwecken mißbraucht würden. Deshalb sind die Kirche und die weltliche Wissenschaft zur Zusammenarbeit im Namen der Rettung des Lebens sowie der ihm angemessenen Ordnung aufgerufen. Die Zusammenarbeit unter ihnen trägt zu einer gesunden und schöpferischen Atmosphäre im geistigintellektuellen Bereich bei, was wiederum der Schaffung optimaler Forschungsbedingungen förderlich ist. Einen herausragenden Platz nehmen die Geisteswissenschaften ein, die ihrem Charakter nach mit den Bereichen der Theologie, der Kirchengeschichte und des kanonischen Rechts untrennbar verknüpft sind. Wohl begrüßt die Kirche die Arbeiten der weltlichen Wissenschaftler in diesem Bereich und erkennt den Stellenwert der humanitären Studien an, dennoch erachtet sie das durch diese Forschungen bisweilen entworfene rationale Weltbild als nicht vollständig und allumfassend. Die religiöse Weltanschauung kann als Quelle der Wahrheitserkenntnis und des Verständnisses von Geschichte, Ethik und vielen anderen humanitären Wissenschaften, die jede Voraussetzung und jedes Recht besitzen, im System der weltlichen Bildung und Erziehung sowie in der Organisation des gesellschaftlichen Lebens vertreten zu sein, nicht verworfen werden. Einzig die Übereinstimmung zwischen der geistig-spirituellen Erfahrung einerseits und der wissenschaftlichen Erkenntnis andererseits macht das Wissen vollkommen. Kein gesellschaftliches System kann als harmonisch bezeichnet werden, solange die säkulare Weltanschauung das Monopol für die Verkündung öffentlich bedeutsamer Beurteilungen inne hat. Bedauerlicherweise bleibt die Gefahr einer Ideologisierung der Wissenschaft bestehen, für die im 20. Jahrhundert die Völker der Erde einen hohen Preis entrichten mußten. Eine solche Ideologisierung kann im Bereich der Sozialwissenschaften, sofern sie staatlichen Programmen und politischen Projekten zugrundegelegt werden, äußerst gefährliche Implikationen zeitigen. Indem sie sich der ideologischen Vereinnahmung der Wissenschaft widersetzt, führt die Kirche zugleich einen wichtigen Dialog mit den Geisteswissenschaftlern. In seinen unergründlichen Tiefen ist der Mensch als Bild und Ebenbild des Unbegreiflichen Schöpfers frei. Die Kirche warnt vor Versuchen, die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik zur Ausübung einer Kontrolle über die innere Welt der Persönlichkeit, zur Herstellung jedweder suggestiver Techniken oder zur Manipulation des menschlichen Bewußtseins oder Unterbewußtseins einzusetzen. 89 XIV.2. Das lateinische Wort cultura („Anbau“, „Pflege“, „Bildung“, „Entwicklung“) stammt aus dem Wort cultus („Verehrung“, „Huldigung“, „Kult“). Das verweist auf die religiösen Wurzeln der Kultur. Als Gott den Menschen schuf, setzte Er ihn in das Paradies und befahl ihm, Seine Schöpfung zu bebauen und zu hüten (Gen 2.15). Die Kultur im Sinne der Erhaltung der Umwelt sowie der Sorge um diese ist ein göttlicher Auftrag an den Menschen. Nach der Vertreibung aus dem Paradies, sah der Mensch sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, um sein Überleben zu kämpfen; so kam es zur Herstellung von Arbeitsgeräten, zu Städtebau sowie landwirtschaftlicher Tätigkeit und den Künsten. Die Kirchenväter und -lehrer hoben die ursprüngliche göttliche Quelle der Kultur hervor. Insbesondere Klemens von Alexandrien faßte sie als Frucht der schöpferischen Arbeit des Menschen unter der Leitung des Logos auf: „Die alles durchwaltende Vernunft entfaltet sich in allen weltlichen Wissenschaften und Künsten, in allem, was der menschliche Verstand erreichen kann (...), stammt doch jede Kunst und jedes Wissen von Gott.“ Und der hl. Gregor der Theologe schrieb: „So wie in einer kunstvollen musikalischen Harmonie jede Saite einen anderen Klang hervorbringt, mal einen hohen, mal einen tiefen, so hat auch hier der Künstler und das Schöpfer-Wort, obwohl er den verschiedenen Berufen und Künsten verschiedene Erfinder zugeteilt hat, alles zur allgemeinen Verfügung gestellt, um uns durch die Bande der Gemeinschaft und der Menschenliebe enger miteinander zu verbinden und unser Leben auf eine höhere Zivilisationsstufe erheben.“ Die Kirche hat vieles, was die Menschheit in den Bereichen der Kunst und Kultur hervorgebracht hat, übernommen, nachdem sie die Früchte der schöpferischen Arbeit im Feuerofen der religiösen Erfahrung geläutert und von den der Seele abträglichen Elementen gereinigt hat, um sie so den Menschen zu geben. Sie gibt verschiedenen Teilbereichen der Kultur ihren Segen und fördert nach Kräften ihre Entfaltung. Der orthodoxe Ikonenmaler, Dichter, Philosoph, Musiker, Architekt, Schauspieler und Schriftsteller, sie alle greifen auf die Mittel der Kunst zurück, um die Erfahrung geistiger Erneuerung zum Ausdruck zu bringen, die sie für sich erworben haben und nun anderen vermitteln wollen. Die Kirche macht es möglich, eine neue Sicht auf den Menschen, seine innere Welt sowie den Sinn seiner Existenz zu gewinnen. Infolgedessen findet die menschliche Kreativität dank der Aufnahme in den Schoß der Kirche zu ihren ursprünglich religiösen Wurzeln zurück. Die Kirche unterstützt die Kultur darin, über die Grenzen der rein irdischen Angelegenheiten hinauszugehen: indem sie ihr den Weg der Läuterung des Herzens sowie der Vereinigung mit dem Schöpfer erschließt, öffnet sie sie für ein Zusammenwirken mit Gott. Die weltliche Kultur kann Trägerin der Frohen Botschaft sein. Dies ist besonders dann von größter Bedeutung, wenn der Einfluß des Christentums in der Gesellschaft nachläßt oder die weltlichen Gewalten einen offenen Kampf gegen die Kirche entfachen. So waren während der Jahre des staatlich verordneten Atheismus die russische klassische Literatur, Dichtung, Malerei und Musik für viele die nahezu einzige Quelle religiöser Kenntnis. Die kulturellen Traditionen wahren und bereichern die 90 geistige Erbschaft in der sich unaufhaltsam ändernden Welt. Dies trifft auf verschiedene Formen des Schöpferischen zu wie Literatur, darstellende Kunst, Musik, Architektur, Theater und Lichtspieltheater, um einige zu nennen. Für die Predigt von Christus sind alle schöpferischen Ausdrucksweisen geeignet, sofern die Intention des Künstlers von aufrichtiger Frömmigkeit geprägt ist und er von der Treue gegenüber Gott nicht abläßt. An die Kulturschaffenden richtet die Kirche stets den Aufruf: „Wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist“ (Röm 12.2). Zugleich warnt die Kirche: „Liebe Brüder, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind“ (1 Joh 4.1). Der Mensch verfügt nicht immer über genügend geistige Scharfsichtigkeit, um die wahre göttliche Eingebung von der ekstatischen „Eingebung“, hinter welcher sich oft finstere Kräfte von zerstörerischen Ausmaßen verbergen, zu unterscheiden. Letztere resultiert insbesondere aus der Berührung mit der Welt der Zauberei und der Magie, des weiteren aus der Einnahme von Drogen. Die kirchliche Erziehung hilft dem Menschen, die geistige Sehkraft zu schärfen, die ihn in die Lage versetzt, das Gute vom Bösen, das Göttliche vom Dämonischen zu unterscheiden. Die Begegnung der Kirche mit der Welt der Kultur führt keineswegs immer zu einer einfach durchführbaren Zusammenarbeit sowie gegenseitigen Bereicherung: „Das Wahre Wort zeigte, als es kam, daß nicht alle Meinungen und nicht alle Lehren gut sind, sondern einige sind gut, andere sind böse“ (hl. Justin der Philosoph). Im Rahmen der Anerkennung des allgemein geltenden Rechts auf moralische Beurteilung der Werke der Kultur beansprucht die Kirche ein solches Recht auch für sich. Noch mehr, hierin erblickt sie eine ihr unmittelbar zukommende Pflicht. Ohne auf die ausschließliche Anerkennung kirchlicher Wertmaßstäbe in der weltlichen Gesellschaft und dem Staat zu drängen, ist die Kirche doch von der unbedingten Wahrheit und Erlösungskraft des ihr im Evangelium offenbarten Weges überzeugt. Wenn ein schöpferisches Werk zur moralischen und geistigen Verwandlung der Person beiträgt, so wird es von der Kirche gesegnet. Aber wenn sich die Kultur Gott widersetzt, einen antireligiösen oder inhumanen Charakter annimmt und sich somit in eine Anti-Kultur verkehrt, stellt sich die Kirche ihr entgegen. Eine solche Gegnerschaft bedeutet jedoch nicht den Kampf gegen die Träger dieser Kultur, „denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen“, sondern sie führt zu einer geistigen Auseinandersetzung mit dem Zweck der Befreiung der Menschen von den zerstörerischen Auswirkungen finsterer Kräfte, der „bösen Geister des himmlischen Bereichs“, auf ihre Seelen (Eph 6.12). Die eschatologische Sehnsucht verbietet es dem Christen, sein Leben vollends mit der Welt der Kultur zu identifizieren, „denn wir haben hier keine Stadt, die bestehenbleibt, sondern wir suchen die künftige“ (Hebr 13.14). Der Christ kann in dieser Welt leben und seinem Beruf nachgehen, darf in seiner irdischen Betätigung aber nicht restlos aufgehen. Die Kirche erinnert die Kulturschaffenden daran, daß es ihre Berufung ist, die Seelen der Menschen – einschließlich ihrer eigenen – zu kultivieren und zu 91 versuchen, das durch die Sünde in ihrem Inneren entstellte Bild Gottes wiederherzustellen. Die Kirche predigt die ewige Wahrheit Christi den Menschen, die unter sich wandelnden historischen Bedingungen leben, und bedient sich hierbei der je vorgegebenen kulturellen Formen, die durch die Zeit, die Nation sowie die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen bedingt sind. Die von bestimmten Völkern und Generationen gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse müssen für andere Menschen mitunter neu interpretiert und ihnen auf vertraute und verständliche Weise nahegebracht werden. Keine Kultur darf einen Ausschließlichkeitsanspruch auf die Auslegung der christlich-geistlichen Botschaft geltend machen. Die wort- und gleichnishaft vermittelnde Sprache der Predigt, ihre Methoden und Mittel sind im Laufe der Geschichte einem natürlichen Wandel ausgesetzt und variieren in Abhängigkeit von nationalen und sonstigen Zusammenhängen. Dennoch dürfen die wechselhaften Launen der Welt nicht als Grund für die Verwerfung der würdevollen Erbschaft der vergangenen Jahrhunderte, noch weniger für die Preisgabe der kirchlichen Überlieferung ins Feld geführt werden. XIV.3. Die christliche Tradition bekundete stets ihre Achtung gegenüber der weltlichen Bildung. Zahlreiche Kirchenväter erhielten ihre Bildung an weltlichen Schulen und Akademien und betrachteten die dort gelehrten Wissenschaften für den glaubenden Menschen als unentbehrlich. Der hl. Basilius der Große schrieb, daß die „äußeren Wissenschaften nicht ohne Nutzen“ für den Christen sind, der gehalten ist, alles, was der sittlichen Vervollkommnung sowie dem intellektuellen Wachstum förderlich ist, den Wissenschaften zu entlehnen. Nach den Worten des hl. Gregors des Theologen „erkennt jeder, der Vernunft hat, die Belesenheit (paideusin: Bildung) als das für uns erstrangige Gut an. Und nicht nur die vornehmste Gelehrsamkeit unserer selbst, (...) deren Gegenstand zum ersten die Erlösung sowie die Schönheit des innerlich Betrachteten ist, sodann auch die äußere Gelehrsamkeit, die viele Christen infolge ihrer Unwissenheit als hoffnungslos und eitel, gefährlich wie auch gottabgewandt verabscheuen.“ Aus orthodoxer Sicht ist es wünschenswert, religiöse Grundsätze und christliche Werte zu einem grundlegenden Bestandteil des gesamten Bildungssystems zu machen. Nichtsdestoweniger achtet sie, in Befolgung jahrhundertealter Traditionen die weltliche Schule und ist bereit, ihre Beziehungen zu ihr auf der Grundlage der Anerkennung der menschlichen Freiheit zu gestalten. In diesem Zusammenhang betrachtet die Kirche die bewußte Beeinflussung der Schüler und Studenten mit antireligiösen und antichristlichen Ideen und die Geltendmachung eines Monopolanspruchs der materialistischen Weltanschauung als unzulässig (vgl. XIV.1). Die für das 20. Jahrhundert in vielen Ländern typische Lage, in der sich die staatlichen Schulen befanden – nämlich im Dienst einer militant-atheistischen 92 Erziehung -, darf sich nicht wiederholen. Die Kirche ruft dazu auf, die Folgen der atheistischen Kontrolle über das staatliche Bildungssystem zu beseitigen. Bedauerlicherweise wird in vielen der heutigen Lehrveranstaltungen zur Geschichte die Rolle der Religion bei der Ausformung des geistig-geistlichen Bewußtseins der Völker nicht gebührend gewürdigt. Die Kirche hält die Erinnerung an den Beitrag des Christentums zur Schatzkammer der Welt- und Nationalkultur unablässig wach. Die orthodoxen Gläubigen bedauern die Versuche einer unkritischen Übernahme von Unterrichtsstandards, -programmen und -prinzipien, die von Organisationen stammen, die für ihr negatives Verhältnis zum Christentum generell oder zur Orthodoxie im besonderen bekannt sind. Desgleichen darf die Gefahr des Eindringens okkulter und neuheidnischer Einflüsse wie auch destruktiver Sekten in die weltliche Schule, unter deren Einfluß das Kind sowohl für sich wie auch für die Familie und die Gesellschaft verloren wäre, nicht außer Acht gelassen werden. Nach kirchlichem Ermessen ist der wahlweise Religionsunterricht an weltlichen Schulen, auf Wunsch der Kinder oder der Eltern, wie auch an den höheren Bildungsstätten segensreich und erforderlich. Die hohe Geistlichkeit soll in einen Dialog mit der Staatsmacht eintreten, der das Ziel einer verfassungsmäßigen und praktisch wirksamen Verankerung des international verbrieften Rechts der gläubigen Familien auf die religiöse Erziehung und Bildung ihrer Kinder verfolgt. Zu diesem Zweck gründet die Kirche auch orthodoxe allgemeinbildende Einrichtungen, wobei sie sich Unterstützung seitens des Staates erwartet. Die Schule ist eine Vermittlerin, die den neuen Generationen die im Laufe der vergangenen Jahrhunderte geschaffenen moralischen Werte weiterreicht. Bei dieser Aufgabe ist die Zusammenarbeit zwischen Schule und Kirche gefragt. Bildung – vor allem für Kinder und Jugendliche – dient nicht nur der Weitergabe von Wissen. Das Entfachen der Sehnsucht im Herzen der Jugend nach der Wahrheit, dem unverfälschten Moralempfinden, der Liebe zu den Nächsten und zum Vaterland sowie zu dessen Geschichte und Kultur ist keine geringere, sondern vielleicht sogar eine größere Aufgabe der Schule als die der Wissensvermittlung. Die Kirche ist berufen und danach bestrebt, der Schule in ihrer erzieherischen Mission Beistand zu leisten, hängen doch von dem geistigen und moralischen Antlitz des Menschen sein ewiges Heil und nicht zuletzt die Zukunft der einzelnen Nationen und des gesamten Menschengeschlechts ab.
XV. Die Kirche und die weltlichen Massenmedien