XI.1. Die geistige und körperliche Gesundheit des Menschen ist ein traditioneller Gegenstand kirchlicher Fürsorge. Nach Auffassung der Orthodoxie stellt jedoch die physische Gesundheit allein ohne Beziehung zur geistigen keinen unbedingten Wert dar. Der Herr Jesus Christus heilte die Menschen, indem er durch Wort und Tat sich nicht nur um die Heilung von deren Leib kümmerte, sondern auch und viel mehr um ihre Seelen, letztendlich um die Integrität der Person. Nach den Worten des Erlösers Selbst heilte er „einen Menschen als ganzen“ (Joh 7.23). Die Verkündigung der Frohen Botschaft wurde begleitet durch die Heilungen als ein Zeichen der göttlichen Macht, die Sünden zu vergeben. Ebenso gingen Heilungen mit der Predigt der Apostel einher. Die Kirche Christi, die durch ihren Göttlichen Gründer mit der gesamten Fülle der Gaben des Heiligen Geistes ausgestattet ist, war von Anfang an eine heilig-heilende Gemeinde und erinnert auch heute durch das Ritual der Beichte ihre Kinder daran, daß sie eine Heimstatt der Mühseligen und Kranken betreten, um von ihr geheilt zu werden. Die anschaulichste Darstellung des biblischen Verhältnisses zur Medizin findet sich im Buch Jesus Sirach: „Schätze den Arzt, weil man ihn braucht, denn auch ihn hat Gott erschaffen. Von Gott hat der Arzt die Weisheit (...) Gott bringt aus der Erde Heilmittel hervor, der Einsichtige verschmähe sie nicht. (...) Er gab dem Menschen Einsicht, um sich durch seine Wunderkräfte zu verherrlichen. Durch Mittel beruhigt der Arzt den Schmerz, ebenso bereitet der Salbenmischer die Arznei, damit Gottes Werke nicht aufhören und die Hilfe nicht von der Erde verschwindet. Mein Sohn, bei Krankheit säume nicht, bete zu Gott, denn er macht gesund. Laß ab vom Bösen, mach deine Hände rechtschaffen, reinige dein Herz von allen Sünden! (...) Doch auch dem Arzt gewähre 66 Zutritt! Er soll nicht fernbleiben; denn auch er ist notwendig. Zu gegebener Zeit liegt in seiner Hand der „Erfolg; denn auch er betet zu Gott, Er möge ihm die Untersuchung gelingen lassen und die Heilung zur Erhaltung des Lebens“ (Sir 38.1-2, 4, 6-10, 12-14). Die herausragendsten Vertreter der antiken Medizin, aufgenommen in die Gemeinschaft der Heiligen, offenbarten ihre Heiligkeit auf eine besondere Art, nämlich durch ihre Selbstlosigkeit wie Wundertätigkeit. Ihre Verehrung verdankten sie nicht nur der Tatsache, daß viele von ihnen den Märtyrertod starben, sondern auch weil sie die Berufung zum Heilen als Form des christlichen Barmherzigkeitsgebots betrachteten. Die Orthodoxe Kirche erweist der heilenden Tätigkeit, die sich als Dienst der Liebe der Prävention und Minderung menschlichen Leidens widmet, von je her ihre Hochachtung. Die Genesung der von Krankheit Versehrten menschlichen Natur erscheint als die Erfüllung des Ratschlusses Gottes über den Menschen: „Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar und bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib unversehrt, damit ihr ohne Tadel seid, wenn Jesus Christus, unser Gott, kommt“ (1 Thess 5.23). Der Körper, befreit von der Herrschaft sündhafter Leidenschaften sowie den aus ihnen folgenden Krankheiten, soll der Seele dienen, während die seelischen Kräfte und Fähigkeiten durch ihre Verwandlung kraft der Gnade des Heiligen Geistes nach dem letzten Ziel sowie der Berufung des Menschen – der Vergöttlichung – streben müssen. Jede wahre Heilung hat die Berufung, des Heilungswunders teilhaftig zu werden, welches in der Kirche Christi geschieht. Zugleich aber ist zu unterscheiden zwischen der heilenden Kraft der Gnade des Heiligen Geistes, die durch den Glauben an den Einen Herrn Jesus Christus und die Teilhabe an den kirchlichen Sakramenten und Gebeten vermittelt wird, einerseits, und Zaubersprüchen, Verschwörungen, sonstigen magischen Handlungen wie auch Aberglauben andererseits. Viele Krankheiten können nicht geheilt werden und führen zu Leid und Tod. Im Angesicht solcher Leiden ist der orthodoxe Christ gefordert, auf den allgütigen Willen Gottes zu vertrauen, indem er sich stets darauf besinnt, daß der Sinn des Daseins sich nicht im irdischen Leben erschöpft, dem die Bedeutung einer Vorstufe zur Ewigkeit zukommt. Die Leiden sind nicht lediglich die Konsequenz persönlichen Versagens, sondern zugleich der gesamten Sündhaftigkeit und Beschränktheit der menschlichen Natur, was den Menschen vor die Notwendigkeit stellt, diese mit Geduld und Hoffnung zu ertragen. Der Herr nimmt freiwillig die Leiden für die Erlösung des menschlichen Geschlechts auf sich: „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünde zermalmt“ (Jes 53.5). Das heißt, es hat Gott gefallen, das Leiden zum Mittel der Erlösung und der Läuterung zu machen, welches bei jedem Menschen, der es in Demut und Vertrauen in den allgütigen Willen Gottes erduldet, seine Wirksamkeit entfaltet. Nach den Worten des hl. Johannes Chrysostomus „ist derjenige, der die Fähigkeit erworben hat, Gott für seine Krankheiten dankbar zu sein, der Heiligkeit nahe“. Dies besagt nicht, daß der Arzt oder der Kranke ihre Kräfte nicht dem Kampf gegen das Leiden widmen sollen. Wenn aber die menschlichen Mittel erschöpft sind, hat der Christ sich darauf zu besinnen, daß sich die Macht Gottes in der Ohnmacht des Menschen offenbart und daß er in seinem tiefsten Leid zur 67 Begegnung mit Christus fähig ist, der unsere Schmerzen und Krankheiten hinwegnahm (Jes 53.4). XI.2. Die Kirche ruft ihre Priester und Kinder dazu auf, unter den im Gesundheitswesen Tätigen vom Christentum Zeugnis abzulegen. Von überaus großer Wichtigkeit ist es, den Lehrenden und Auszubildenden an den Bildungsstätten für Medizin die Grundlagen der orthodoxen Glaubenslehre sowie der orthodox fundierten biomedizinischen Ethik zu vermitteln (vgl. XII). Die Seelsorge im Bereich der Gesundheitspflege besteht im wesentlichen in der Verkündigung des Wortes Gottes wie in der Vermittlung der Gnade des Heiligen Geistes an die Notleidenden und ihre Betreuer. In ihrem Zentrum stehen der Vollzug der erlösenden Sakramente, die Schaffung einer für das Gebet geeigneten Atmosphäre in den medizinischen Einrichtungen sowie die vielfältigen karitativen Hilfeleistungen für die Patienten. Die kirchliche Mission im medizinischen Bereich ist Pflicht nicht nur der Geistlichen, sondern auch der orthodoxen Laien, d.h. der im Gesundheitswesen Tätigen, die gefordert sind, alle Voraussetzungen zu schaffen, um den Kranken, die dies direkt oder auf mittelbare Weise erbitten, religiösen Trost spenden zu können. Der gläubige Arzt soll sich dessen bewußt sein, daß der hilfsbedürftige Mensch nicht nur eine angemessene Behandlung von ihm erwartet, sondern gleichermaßen seelische Unterstützung, insbesondere dann, wenn er eine Weltanschauung teilt, in der sich das Geheimnis von Leiden und Tod offenbart. Pflicht eines jeden orthodoxen medizinisch Tätigen ist es, im Umgang mit dem Patienten dem Beispiel des barmherzigen Samariters aus dem biblischen Gleichnis zu folgen. Die Kirche segnet die orthodoxen Bruderschaften und Schwesternschaften der Barmherzigkeit, die ihren Dienst in Kliniken und sonstigen Einrichtungen der Gesundheitspflege verrichten und zusätzlich ihren Beitrag dazu leisten, Gebetsräume für die Kranken wie auch Kirchen- und Klosterkliniken zu gründen, damit auf jeder Stufe der Heilung und der Rehabilitation die medizinische Hilfe mit der seelsorglichen Betreuung in Einklang gebracht werden kann. Die Kirche ruft die Laien dazu auf, den Kranken nach Möglichkeit den Beistand zu leisten, der ihnen das menschliche Leid durch liebevolle Hingabe und Sorge ertragen helfen kann. XI.3. Das Problem der Gesundheit der Person und des Volkes hat für die Kirche nicht einen rein äußerlichen, ausschließlich sozialen Charakter, sondern bezieht sich auf unmittelbare Weise auf ihre Sendung in der durch Sünde und Leid verunstalteten Welt. Die Kirche ist berufen, in Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden sowie den interessierten gesellschaftlichen Kreisen sich an der Ausarbeitung einer solchen Konzeption der Gesundheitspflege der Nation zu beteiligen, nach der jedem Menschen ermöglicht werden soll, sein Recht auf geistige, physische und psychische Gesundheit sowie auf soziales Wohlergehen bei längstmöglicher Lebensdauer in Anspruch zu nehmen. 68 Die Beziehungen zwischen dem Arzt und dem Patienten sollen auf Achtung vor der Integrität, der freien Wahl sowie der Würde der Person beruhen. Selbst die erhabensten Ziele können keine Manipulation von Menschen rechtfertigen. Die Kirche kann nicht anders, als den sich unter den Bedingungen der modernen Medizin entwickelnden Dialog zwischen Arzt und Patienten zu begrüßen. Eine solche Herangehensweise ist zweifelsohne in der christlichen Tradition verwurzelt, obwohl auch die Neigung dazu besteht, dies auf ein rein geschäftliches Verhältnis zu reduzieren. Gleichzeitig soll darauf hingewiesen werden, daß das eher traditionelle „paternalistische“ Modell der Arzt-Patient-Beziehung, das angesichts der zahlreichen Versuche zur Rechtfertigung ärztlicher Willkür zu Recht kritisiert wird, auch eine Erscheinungsform des väterlichen Verhältnisses zu dem Kranken sein kann und folglich auch mit dem moralischen Antlitz des Arztes kongruent ist. Ohne einem bestimmten Strukturmodell medizinischer Hilfe den Vorzug einzuräumen, vertritt die Kirche die Ansicht, daß diese Hilfe von möglichst großer Wirksamkeit sowie allen Mitgliedern der Gesellschaft zugänglich sein muß – einschließlich der Verteilung der knappen medizinischen Ressourcen –, unabhängig von deren materiellem Vermögen und sozialer Stellung. Damit eine solche Verteilung tatsächlichen Gerechtigkeitskriterien entspricht, soll das Kriterium der „Lebensbedürfnisse“ dem der „Marktverhältnisse“ vorgeordnet sein. Der Arzt darf das Maß seiner Verantwortung für die Erbringung medizinischer Hilfeleistungen nicht ausschließlich mit einem materiellen Entgelt und dessen Höhe verbinden, indem er auf diese Weise seinen Beruf zur Quelle der Bereicherung macht. Gleichzeitig stellt die angemessene Entlohnung der Arbeit der im Gesundheitswesen Tätigen eine bedeutsame Aufgabe der Gesellschaft und des Staates dar. Während die Kirche die potentiellen Wohltaten einer zunehmend sich an Prognose und Prävention orientierenden Medizin anerkennt und sich der umfassenden Konzeption von Gesundheit und Krankheit insgesamt anschließt, warnt sie zugleich vor Versuchen, einzelne medizinische Theorien zu verabsolutieren, indem sie die Wichtigkeit der Erhaltung der geistigen Prioritäten im menschlichen Leben betont. Auf Grundlage ihrer jahrhundertealten Erfahrung warnt die Kirche gleichfalls vor der Gefahr der Einführung kultisch-magischer Praktiken unter dem Deckmantel einer „Alternativmedizin“, die den menschlichen Willen und das Bewußtsein dem Wirken dämonischer Kräfte ausliefern. Jeder Mensch soll über das Recht sowie die tatsächliche Möglichkeit verfügen, solche Behandlungsmethoden abzulehnen, die seinen religiösen Überzeugungen entgegenstehen. Die Kirche erinnert ihre Gläubigen daran, daß die körperliche Gesundheit – als lediglich ein Aspekt des ganzheitlichen menschlichen Daseins – allein nicht ausreichend ist. Zugleich kann nicht in Abrede gestellt werden, daß zur Unterstützung der Gesundheit der Person und des Volkes prophylaktische Maßnahmen sowie die Schaffung der notwendigen Voraussetzungen für die Pflege der Körperkultur und des Sports höchst bedeutsam sind. Wettkampf ist dem Sport eigen. Jedoch können seine maßlose 69 Vermarktung, der damit zusammenhängende Kult des Hochmuts, die gesundheitsschädlichen Dopingmanipulationen und noch weniger solche Wettkämpfe, in deren Verlauf schwere Körperverletzungen gezielt in Kauf genommen werden, keine Billigung seitens der Kirche finden. XI.4. Die Russisch-Orthodoxe Kirche stellt mit tiefster Besorgnis fest, daß die Völker, die traditionell von ihr geistig genährt werden, sich gegenwärtig in einer demographischen Krise befinden. Die Geburtenrate sowie die durchschnittliche Lebenserwartung sind deutlich zurückgegangen, die Bevölkerungszahl ist in ständiger Abnahme begriffen. Besonders bedrohliche Folgen können Epidemien, der Anstieg von Herz-Kreislauf-, psychischen, Geschlechts- und weiteren Erkrankungen, desgleichen die Drogensucht und der Alkoholismus zeitigen. Die Zahl der Kindererkrankungen, inklusive der geistigen Behinderung, hat sich vermehrt. Die demographischen Probleme führen zu einer Deformation der Gesellschaftsstruktur sowie zur Verringerung des schöpferischen Potentials der Völker und werden so zu einer der Ursachen der Schwächung der Familie. Die Hauptursachen für den Bevölkerungsrückgang sowie den besorgniserregenden Gesundheitszustand der erwähnten Völker waren im 20. Jahrhundert Kriege, Revolution, Hunger und Massenrepressionen, deren Folgen durch die tiefe gesellschaftliche Krise am Ende des Jahrhunderts verschärft worden sind. Die demographischen Probleme sind Gegenstand der stetigen Aufmerksamkeit der Kirche. Sie ist berufen, den gesetzgebenden sowie den administrativen Prozeß zu verfolgen, um sich der Verabschiedung von Beschlüssen zu widersetzen, die zu einer Verschärfung der Situation führen. Zur Klärung der Position der Kirche in Fragen der Bevölkerungspolitik sowie des Gesundheitswesens ist ein ständiger Dialog mit der Staatsmacht sowie den Massenmedien erforderlich. Der Kampf gegen die sinkende Bevölkerungszahl soll die aktive Unterstützung der wissenschaftlich-medizinischen und der sozialen Programme zum Schutz der Mutterschaft und der Kindschaft, der Leibesfrucht sowie des Neugeborenen einschließen. Der Staat ist gefordert, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln die Geburt sowie die würdige Erziehung der Kinder zu unterstützen. XI.5. Aus Sicht der Kirche stellen die psychischen Erkrankungen eine Erscheinungsform der grundsätzlichen sündhaften Verdorbenheit der menschlichen Natur dar. Unter besonderer Beachtung des Niveaus der geistigen, seelischen sowie körperlichen Entwicklung der Persönlichkeitsstruktur unterschieden die Heiligen Väter zwischen „natürlich“ hervorgerufenen Krankheiten einerseits und Leiden infolge teuflischer Beeinflussung oder Leidenschaften, die von dem Menschen Besitz ergreifen, andererseits. Vor dem Hintergrund dieser Differenzierung entbehren sowohl die Rückführung sämtlicher psychischer Erkrankungen auf Besessenheit, dem das unbegründete Ritual des Exorzismus böser Geister folgen würde, als auch der Versuch, jegliche Geistesstörungen ausschließlich mit Hilfe von klinischen Methoden zu heilen, einer stichhaltigen Begründung. Den größten Nutzen im psychotherapeutischen Bereich erbringt die gleichzeitige Anwendung von 70 seelsorglichen und ärztlichen Maßnahmen auf die Geisteskranken, unter Beachtung der erforderlichen Kompetenzabgrenzung zwischen dem Arzt und dem Priester. Die psychische Erkrankung mindert in keiner Weise die Würde des Menschen. Die Kirche legt Zeugnis davon ab, daß auch der Geisteskranke ein Träger des Bildes Gottes ist und ein Mitbruder von uns bleibt, der des Mitleids und der Hilfe bedarf. Moralisch unzulässig sind psychotherapeutische Methoden, die auf der Unterdrückung der Persönlichkeit des Kranken sowie der Erniedrigung seiner Würde beruhen. Okkulte Methoden psychologischer Beeinflussung, zuweilen unter der Bezeichnung der wissenschaftlichen Psychotherapie, sind für die Orthodoxie definitiv unannehmbar. In besonderen Fällen sind zum Zweck der Heilung der Geisteskranken sowohl Isolierung als auch andere Formen des Zwangs vonnöten. Ausschlaggebend bei der Wahl der Form eines medizinischen Eingriffs soll in jedem Fall das Prinzip der möglichst geringen Einschränkung der Freiheit des Patienten sein. XI.6. Die Bibel spricht vom „Wein, der das Herz des Menschen erfreut“ (Ps 104.15 / Original: 103.15) und der „Frohsinn, Wonne und Lust bringt (...), zur rechten Zeit und genügsam getrunken“ (Sir 31.28 / Original 31.31). Sowohl in der Heiligen Schrift als auch in den Schriften der Heiligen Väter finden wir jedoch ebenso die strenge Verurteilung des Lasters der Trunksucht, welches nach unmerklichem Beginn zahlreiche weitere verhängnisvolle Sünden nach sich zieht. Sehr häufig führt die Trunksucht den Zerfall der Familie herbei, schafft sowohl bei dem Opfer dieses sündhaften Lasters als auch bei den ihm nahestehenden Menschen, insbesondere den Kindern, mannigfaches Leid. „Die Trunksucht ist eine Feindschaft gegen Gott (...). Die Trunksucht ist ein Dämon, den man sich freiwillig geholt hat (...). Die Trunksucht vertreibt den Heiligen Geist“, schreibt der hl. Basilius der Große. „Die Trunksucht ist die Wurzel aller Übel (...). Der Trinker ist eine lebendige Leiche (...). Die Trunksucht kann auch als Strafe an sich dienen, indem sie die Seele verwirrt, geistige Umnachtung herbeiführt und den Trinker unzähligen Krankheiten – inneren wie äußeren -ausliefert (...). Die Trunksucht (...) ist ein vielgestaltiges und vielköpfiges Ungeheuer (...). Bald erwächst Unzucht aus ihm heraus, bald Zorn, bald Stumpfheit des Verstands und des Herzens, bald schändliche Liebe (...). Niemand ist in dem Maße dem bösen Willen des Teufels Untertan wie der Trinker“, mahnte Johannes Chrysostomus. „Der betrunkene Mensch ist jedes Bösen fähig, gibt jeder Versuchung nach (...). Die Trunksucht beraubt den Trinker der Befähigung zu jeglicher Arbeit“, bezeugt der hl. Tichon von Zadonsk. Von noch größerem unheilvollem Ausmaß ist die weit verbreitete Drogensucht, eine Sucht, die den von ihr ergriffenen Menschen besonders anfällig für die Beeinflussung durch teuflische Gewalt macht. Jedes Jahr ergreift dieses schreckliche Leid eine immer größer werdende Zahl von Menschen und verursacht den Tod vieler. Besonders anfällig für die Drogensucht ist die Jugend, hierin liegt eine große Gefahr für die Gesellschaft. Eigennützige Interessen der Rauschgiftindustrie fördern die Herausbildung einer 71 eigenen Pseudo-“Drogenkultur“ – insbesondere im Jugendlichenmilieu. Den unreifen Menschen werden Verhaltensmuster vorgeführt, die den Gebrauch von Drogen als einen „naturgemäßen“ und sogar unerläßlichen Bestandteil der Kommunikation darstellen. Der Hauptgrund der Flucht vieler unserer Zeitgenossen in das Reich der durch Alkohol oder Drogen hervorgerufenen Illusionen besteht in der seelischen Verwüstung, der Sinnentleerung des Lebens sowie dem Schwinden moralischer Leitlinien. Drogensucht und Alkoholismus sind Erscheinungsformen des seelischen Krankheitszustands nicht nur des einzelnen Menschen, sondern der Gesellschaft insgesamt. Das ist der Tribut an die Konsumideologie, an den Kult des materiellen Wohlstandsfortschritts, den Mangel an Spiritualität sowie den Verlust wahrer Ideale. Die Kirche, die den Opfern der Trunk- und Drogensucht seelsorgliches Mitleid entgegenbringt, bietet ihnen geistliche Unterstützung bei der Überwindung dieses Lasters an. Ohne die Notwendigkeit der medizinischen Hilfe in besonders fortgeschrittenen Krankheitsstadien in Abrede zu stellen, legt die Kirche großen Wert auf Prophylaxe und Rehabilitierung, die zumal bei der bewußten Einbeziehung der Leidenden in das eucharistische und Gemeindeleben beste Wirkungen erbringen.
XII. Fragen der Bioethik